28.06.2017 - Österreichs Wirtschaft überrascht positiv

  • Österreich mit stärkster Wachstumsentwicklung seit 2011
  • Aufschwung in CEE gewinnt an Breite
  • Inflationsdynamik schwächt sich vorübergehend ab
  • ATX: Österreich zurück im Fokus
     

Am 28. Juni 2017 veröffentlichte Raiffeisen RESEARCH, eine Organisationseinheit der Raiffeisen Bank International AG (RBI), die beiden Kapitalmarktstrategien "Österreich & CEE1" und "Globale Märkte" für das dritte Quartal 2017. Chefanalyst Peter Brezinschek legte gemeinsam mit Bernd Maurer, dem Chefanalysten der Raiffeisen Centrobank AG (RCB), in einer Pressekonferenz besonderes Augenmerk auf die überraschend starke Konjunkturentwicklung in CEE sowie die Inflationsentwicklung.

"Die BIP-Zahlen für das erste Quartal haben in mehreren Ländern Zentral- und Südosteuropas positiv überrascht. Vor allem Rumänien, Polen, Ungarn und der Tschechische Republik stachen mit hohen Zuwächsen hervor. Auch Österreich veröffentlichte zunehmende Wachstumsdynamik und ließ die Eurozone erstmals seit vielen Jahren hinter sich. Konsequenterweise haben wir für die genannten Länder unsere BIP-Prognosen für das Gesamtjahr 2017 moderat angehoben. Mit einem BIP-Zuwachs von 2,2 Prozent sollte Österreich die stärkste Wachstumsentwicklung seit 2011 aufweisen", so Brezinschek.

CEE stark ins Jahr gestartet

In Zentraleuropa (CE) haben Stimmungsindikatoren wie die Einkaufsmanagerindizes (PMI) im ersten Halbjahr ein Niveau erreicht, das auf ein deutlicheres Wirtschaftswachstum hindeutet. Im Durchschnitt erreichte der PMI für Polen, Ungarn und die Tschechische Republik im bisherigen Jahresverlauf fast 56 Punkte – weit über dem neutralen Niveau von 50 Punkten. Unterstützend ist der Optimismus der Unternehmer in Deutschland, wo der Einkaufsmanagerindex auf zuletzt fast 60 Punkte gestiegen ist. Die Zusammensetzung des jüngsten Wachstums ist breit aufgestellt und beruht sowohl auf steigender privater Haushaltsnachfrage, Investitionswachstum (besonders in Ungarn) und dem Außenhandel (v.a. in der Tschechische Republik und der Slowakei). "Diese Entwicklung hat uns veranlasst, unsere durchschnittliche Wachstumsprognose für die CE-Region für dieses Jahr von 3,1 Prozent auf 3,6 Prozent zu erhöhen. Auch für das kommende Jahr rechnen wir mit einem Wachstum von über 3 Prozent", sagt Brezinschek.

In Südosteuropa (SEE) stellt sich die Situation ähnlich dar. Die größte Volkswirtschaft der Region – Rumänien – boomt. Vor allem der inländische Konsum treibt die Wirtschaft an. Während die Wirtschafsdynamik auch in Bulgarien ungebrochen ist, trübte sich das Wachstumsmoment am Westbalkan etwas ein. Sowohl in Serbien als auch in Kroatien wurden etwas niedrigere Wachstumsraten im Vergleich zum Vorquartal erreicht. In Kroatien belastet der Konkurs von Agrokor, dem größten Unternehmens des Landes, zudem den Wachstumsausblick. "Wir haben für Kroatien deshalb die Prognose für dieses und nächstes Jahr jeweils um 0,5 Prozentpunkte abgesenkt. Dennoch steigt unsere Wirtschaftsprognose für die Region SEE insgesamt weiter an – von 3,7 Prozent auf 4,1 Prozent in 2017. Für das Jahr 2018 rechnen wir ebenfalls mit einem starken Wachstum von 3,5 Prozent", erläutert Brezinschek.

In Osteuropa (EE) ist vor allem das Ende der Rezession in Russland hervorzuheben. "Wir haben unsere Wachstumsprognose für das Gesamtjahr 2017 noch nicht nach oben angepasst und belassen diese bei 1,0 Prozent, allerdings besteht die Möglichkeit, dass dieser Wert überschritten wird. Die letzten Datenveröffentlichungen für den Mai deuten bereits auf ein starkes zweites Quartal hin. Auch in Belarus hellt sich die Wirtschaftslage endlich auf. Gingen wir vor drei Monaten noch von einem dritten Jahr der Rezession aus, so hat die Wirtschaft inzwischen zu einem schwachen Wachstum zurückgefunden. Nur in der Ukraine haben sich die Aussichten mit der wirtschaftlichen Blockade des Donbass etwas eingetrübt. Insgesamt verbleiben wir beim Wirtschaftsausblick für die EE-Region bei einer nur moderaten Wirtschaftserholung um 1 Prozent in 2017 mit einer steigenden Tendenz in 2018", so Brezinschek.

Österreichs Aufschwung gewinnt an Breite

Die konjunkturelle Dynamik in Österreich hat sich zu Jahresbeginn nochmals beschleunigt. Die im ersten Quartal im Vorjahresvergleich verzeichnete jährliche Wachstumsrate von 2,3 Prozent war so hoch wie zuletzt im Frühjahr 2011. Weiterhin vergleichsweise dynamisch hat sich zu Jahresbeginn der private Konsum entwickelt. Die Bruttoanlageinvestitionen haben wie in den Quartalen zuvor auch im ersten Quartal das Quartalswachstum unterstützt. Ein positiver Wachstumsbeitrag kam auch vom Außenhandel, da die Exporte nach einer enttäuschenden Entwicklung im Jahr 2016 nun wieder vom positiven außenwirtschaftlichen Umfeld profitierten. Neben der positiven Konjunkturdynamik der vergangenen Quartale gestaltet sich der Ausblick für die kommenden Monate weiterhin günstig. Sowohl der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe als auch das von der EU-Kommission ermittelte Wirtschaftsvertrauen notierten zuletzt über den Durchschnittswerten des ersten Quartals, was für sich genommen auf eine abermalige Beschleunigung des konjunkturellen Tempos schließen lässt. "Vor dem Hintergrund der soliden Konjunkturentwicklung der vergangenen Quartale sowie des positiven Ausblicks haben wir unsere BIP-Wachstumsprognose für das Gesamtjahr 2017 von 1,7 Prozent auf 2,2 Prozent angehoben (2018: von 1,5 Prozent auf 1,7 Prozent). Die österreichische Volkswirtschaft würde damit heuer das höchste Jahreswachstum seit 2011 (2,8 Prozent) verzeichnen. Dabei dürfte die Konjunkturdynamik in diesem und im kommenden Jahr breiter abgesichert sein als 2016 und neben der Binnennachfrage auch vom Außenhandel getragen sein", zeigt sich Brezinschek optimistisch.

Inflationsdynamik schwächt sich ab

Die Inflation in Österreich dürfte im Februar mit 2,4 Prozent ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht haben. "Wir erwarten für das Gesamtjahr 2017 weiterhin eine durchschnittliche Teuerungsrate in Höhe von 2,0 Prozent (2018: 2,1 Prozent). Zwar hat die Ölpreisentwicklung mittlerweile einen viel geringeren (erhöhenden) Effekt auf die Inflation als noch vor wenigen Monaten, jedoch ist nicht zuletzt aufgrund der guten Konjunkturentwicklung mit einem moderat zunehmenden, von der Kernrate herrührenden Preisdruck zu rechnen", sagt Brezinschek.

Nach dem starken Anziehen der Inflationsraten in CE/SEE durch den Energiepreiseffekt zu Jahresbeginn hat sich die Situation ebenfalls wieder etwas beruhigt. In einigen Ländern wurde die Spitze der Inflation bereits im März erreicht. In Russland hat sich der Weg rückläufiger Teuerungsraten fortgesetzt. Das Zentralbankziel von 4 Prozent ist fast erreicht.

Fachkräftemangel in den USA

In den USA war im ersten Quartal das reale BIP annualisiert nur um 1,2 Prozent gewachsen. Für das zweite Quartal zeichnet sich auf Basis der bereits vorliegenden „harten“ Daten aber eine deutlich stärkere Zunahme der Wirtschaftsleistung ab. Positive Impulse dürften vor allem wieder von den privaten Konsumausgaben kommen, die zu Jahresbeginn kaum zugelegt hatten. Auch bei den Investitionen erwartet Raiffeisen RESEARCH ein sattes Plus. "Unsere Prognose einer Zunahme des realen Bruttoinlandsproduktes um 2,4 Prozent im laufenden Jahr erscheint vom heutigen Standpunkt aus nur leicht auf der optimistischen Seite zu liegen", so Brezinschek. Die Dynamik im Beschäftigungsaufbau hat damit seit Jahresbeginn spürbar nachgelassen: Wurden im Jänner und Februar im Schnitt noch 224.000 neue Stellen besetzt, waren es zwischen März und Mai nur noch durchschnittlich 121.000 Stellen. Es spricht allerdings einiges dafür, dass die Verlangsamung im Beschäftigungsaufbau nicht auf eine gesunkene Nachfrage nach Arbeitskräften zurückzuführen ist, sondern im Gegenteil auf einen Mangel an qualifizierten Bewerbern.

Ölpreis: Lagerabbau im Fokus

Ende Mai trafen sich die OPEC-Mitgliedsstaaten in Wien, um ihre weitere Strategie hinsichtlich der Ende 2016 beschlossenen Förderkürzung zu beschließen. Letztendlich blieb bei diesem Treffen der große Überraschungseffekt aus. Die OPEC-Staaten sowie elf Nicht-OPEC-Länder konnten sich, wie bereits im Vorfeld angekündigt, auf eine Verlängerung der Förderkürzung um neun Monate bis Ende März 2018 einigen. Vorrangiges Ziel ist es, in diesem Zeitraum einen Abbau der nach wie vor sehr gut gefüllten globalen Öllager auf den Schnitt der vergangenen Jahre zu gewährleisten "Wir erwarten für die zweite Jahreshälfte, dass sich der Brent-Preis zwischen USD 54 und USD 62 pro Fass bewegen wird", sagt Brezinschek.

Devisenmärkte: Geldpolitische Divergenz spricht zunächst für den US-Dollar

In Folge der Zinssitzungen der EZB vom 8. Juni und der Fed vom 14. Juni haben sich die Perspektiven für den US-Dollar kurz- bis mittelfristig wieder aufgehellt. So enttäuschte EZB-Präsident Mario Draghi Marktakteure, die auf die Bekanntgabe eines Zeitplans für den Ausstieg aus den Anleihekäufen oder gar für eine erste Zinsanhebung gewettet hatten. Demgegenüber bekräftigte die Fed, den Leitzins in den nächsten Quartalen weiter anheben zu wollen. "Einer EZB, die weiter Anleihen kauft und den Leitzins unverändert bei 0 Prozent belässt, steht damit eine Fed gegenüber, die den Leitzins weiter anhebt und Anleihen verkauft. Das sollte sich unserer Meinung nach in einer Ausweitung der Renditedifferenz zwischen zweijährigen deutschen und US-Staatsanleihen widerspiegeln. Das wiederrum sollte dem US-Dollar in den nächsten Monaten Auftrieb verleihen. Bis Dezember sehen wir EUR/USD bei 1,07", so Brezinschek.

Renten- und Aktienmärkte

Am amerikanischen Aktienmarkt ist der Aufwärtstrend nach Meinung von Raiffeisen RESEARCH angesichts der soliden Fundamentaldaten (Konjunktur, Gewinnwachstum) weiter intakt. In den Sommermonaten sollten aber die erhöhten Bewertungen und die Maßnahmen der Fed eine Konsolidierungsbewegung einleiten. In Europa sprechen in Summe die robuste Konjunkturdynamik und die erwarteten Gewinnanstiege für ein grundsätzliches Anhalten des Aufwärtstrends für den Euro STOXX 50 und den DAX. Da die Bewertungen aber zuletzt merklich angezogen haben und die Investoren schon viel Positives eingepreist haben, dürfte sich in den Sommermonaten wieder eine bessere Einstiegsgelegenheit ergeben.

Der Euro-Staatsanleihemarkt war bis Ende April im Kontext der französischen Präsidentschaftswahl von hoher Nervosität und deutlich erhöhten Risikoprämien gekennzeichnet. Der Sieg von Emmanuel Macron drehte das Risikosentiment klar ins Positive. Die politischen Risiken wurden schnell und massiv ausgepreist. Nach der "Macron-Rallye" sieht Raiffeisen RESEARCH für die Risikoprämien der meisten Euroländer kaum mehr Potenzial nach unten. Ab September könnten dann politische Risiken wieder in den Fokus rücken. Das größte Risiko geht dabei weiter von Italien aus. Die politische Lage ist hier besonders labil und hat zudem das Potenzial, in eine systemische Krise umzuschlagen.

ATX: Österreich zurück im Fokus

Ein Plus von knapp 20 Prozent seit Jahresbeginn zeigt den ATX unter den sich am besten entwickelnden europäischen Aktienindizes. Er zählt nun schon seit 2015 zu den Outperformern in Europa. Eine Outperformance, die seit dem zweiten Halbjahr 2016 so richtig an Dynamik gewonnen hat. Die starke Entwicklung ist unter anderem auf die deutlich verbesserte Wahrnehmung gegenüber der CEE-Region zurückzuführen. Ein höheres Wirtschaftswachstum als in der Eurozone schafft Vertrauen, und aufgrund des hohen Umsatz-Exposure österreichischer Unternehmen färbt dieser Umstand positiv auf den österreichischen Aktienmarkt ab. Ein weiterer Punkt ist ein durch die Erwartung steigender Renditeniveaus leicht verbessertes Umfeld für die im ATX hoch gewichteten Finanzwerte. Häufig ist darüber hinaus festzustellen, dass in fortgeschrittenen Aufschwungphasen der Leitbörsen das Investoreninteresse für kleinere Märkte zunimmt. Aktuell ist der ATX mit einem KGV von 13,6 für 2017 und 12,7 für 2018 bewertet. Ein Niveau, das die RCB als angemessen erachtet und das im Vergleich zum breiten europäischen Markt einem Abschlag von über 10 Prozent entspricht. Zum Jahresende prognostizieren die Analysten der RCB den ATX leicht höher bei 3.250 Punkten, wobei jedoch über die Sommermonate zwischenzeitlich durchaus auch leichtes Rückschlagpotenzial gegeben ist.

Finanzanalyst: Mag. Peter Brezinschek, RBI Wien

 

  • Editor: Helge Rechberger, Finanzanalyst, RBI Wien
  • Datenschluss ("Globale Märkte"): 16. Juni 2017, 18:00 Uhr MESZ
  • Datenschluss ("Österreich & CEE"): 19. Juni, 2017, 17:00 Uhr MESZ
  • Fertiggestellt: 27. Juni 2017, 18:00 Uhr MESZ
  • Erstmalige Weitergabe: 28. Juni 2017, 09:30 Uhr MESZ

Vollversionen der beiden Strategien können bei aleksandra.srejic@rbinternational.com bestellt werden.

1 Zentral- und Osteuropa (CEE) setzt sich aus den Regionen Zentraleuropa (CE) mit der Tschechischen Republik, Polen, der Slowakei, Slowenien und Ungarn, Südosteuropa (SEE) mit Albanien, Bosnien und Herzegowina, Bulgarien, Kroatien, Rumänien und Serbien sowie der Region Osteuropa (EE) mit Belarus, Russland und der Ukraine zusammen.

 

Risikohinweise

Strategie Österreich & CEE Q3

Strategie Globale Märkte Q3

 

 

 

 

Ingrid Krenn-Ditz

Head of Group Communications | Corporate Spokeswoman
Raiffeisen Bank International AG
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