Mehr als ein grünes Label: Was Investoren heute von Sustainable Finance erwarten
Sustainable Finance bleibt für viele Investoren ein wichtiges Thema. Gleichzeitig gewinnen Transparenz, Reporting und der Dialog mit Investoren zunehmend an Bedeutung.
Die Emission ihrer Tier-2-Anleihe im Green Format[1] bescherte der Raiffeisen Bank International (RBI) eine Nachfrage von mehr als EUR 2,2 Milliarden. Investoren, die Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien (ESG) in ihren Anlageentscheidungen berücksichtigen, stellten dabei einen bedeutenden Anteil des Orderbuchs und der finalen Zuteilungen. Die Transaktion war somit deutlich überzeichnet. Gleichzeitig zeigte sie, wie sich die Erwartungen im Bereich Sustainable Finance[2] weiterentwickeln. Investoren schauen zunehmend über Nachhaltigkeitslabels hinaus und stellen detailliertere Fragen zu den zugrunde liegenden Vermögenswerten, der Projektauswahl und den Reporting-Praktiken. Für Roxana Stroie aus dem Group Treasury der RBI und Erik Soldatic aus dem Bereich Impact & Development Solutions innerhalb von Group Structured Finance & Investment Banking werden Transparenz, Glaubwürdigkeit und die Fähigkeit, aussagekräftige Informationen bereitzustellen, im Investorendialog immer wichtiger.
[1] Das bedeutet, dass ein den Emissionserlösen entsprechender Betrag gemäß dem Green Bond Framework der RBI förderfähigen grünen Vermögenswerten (Eligible Green Assets) zugeordnet wird.
[2] Sustainable Finance bezeichnet hier Finanzierungs- und Investitionsentscheidungen, die Umwelt- und Sozialziele sowie Governance-Aspekte berücksichtigen.
Veränderte Investorenerwartungen
Auch wenn ESG-Aspekte heute stärker diskutiert werden als noch vor einigen Jahren, bleiben sie für viele Investoren relevant. Verändert hat sich vor allem die Intensität der Prüfung. Investoren möchten verstehen, welche Vermögenswerte einer grünen Anleihe zugrunde liegen, wie Projekte anhand der im Green Bond Framework festgelegten Förder- und Ausschlusskriterien ausgewählt werden und welche Umweltwirkungen damit erzielt werden sollen. „Aus meiner Sicht ist das eine gesunde Entwicklung. Sie erhöht die Transparenzanforderungen an Emittenten und stärkt den Markt insgesamt“, sagt Erik Soldatic. Investoren würden zunehmend selektiver agieren und sich stärker auf die Substanz als auf Labels konzentrieren.
Diese Entwicklung zeigte sich auch bei der Emission der Green Tier-2-Anleihe der RBI. „Die Transaktion hat deutlich gezeigt, dass Nachhaltigkeitsaspekte für Investoren weiterhin eine Rolle spielen“, erklärt Roxana Stroie. Aus ihrer Sicht leistete das Green Format einen wichtigen Beitrag zum Erfolg der Emission und ermöglichte der RBI den Zugang zu einer breiteren Investorenbasis, darunter auch ESG-orientierte Investoren.
Stärkerer Fokus auf Transparenz und Reporting
Der steigende Prüfungsgrad verändert auch die Herangehensweise von Emittenten an Sustainable Finance. „Die Zeiten, in denen Investoren mit allgemeinen Nachhaltigkeitsversprechen zufrieden waren, sind weitgehend vorbei“, sagt Erik Soldatic. Investoren möchten wissen, wofür Mittel verwendet werden, wie Projekte ausgewählt werden und welche Wirkung erzielt wird. Zudem erwarten sie detaillierte Antworten auf ihre Fragen sowie belastbare Daten, wo dies sinnvoll und möglich ist.
Reporting, Governance und Transparenz gewinnen dadurch an Bedeutung. Auch wenn das zusätzlichen Aufwand für Emittenten bedeutet, stärkt es aus Sicht von Erik Soldatic das Vertrauen in den Markt und hilft dabei, glaubwürdige Emittenten von weniger fortgeschrittenen Marktteilnehmern zu unterscheiden.
Finanzierungsbedarf in unterschiedlichen Sektoren
Sustainable-Finance-Instrumente können dazu beitragen, die Nachfrage von Investoren mit dem Finanzierungsbedarf unterschiedlicher Sektoren zu verbinden, darunter erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Transport und Infrastruktur. Bei grünen Anleihen definiert das Green Bond Framework des Emittenten die Förder- und Ausschlusskriterien für Vermögenswerte, die finanziert oder refinanziert werden können. Laut Erik Soldatic erhalten Investoren dadurch Einblick in die Verwendung des Kapitals und die Umweltziele der zugrunde liegenden Projekte. Gleichzeitig können grüne Anleihen Unternehmen, Branchen und Regionen auf ihrem Weg zu nachhaltigeren Geschäftsmodellen unterstützen und eine zunehmend wichtige Rolle bei der Mobilisierung privaten Kapitals spielen.
Investitionsbedarf in Zentral- und Osteuropa
Zentral- und Osteuropa weist einen hohen Investitionsbedarf unter anderem in den Bereichen erneuerbare Energien, Energieeffizienz, moderne Infrastruktur und industrielle Transformation auf. Roxana Stroie verweist auf die starke Finanzierungsnachfrage in diesen Sektoren in der gesamten Region.
Gleichzeitig erfordert die Finanzierung dieser Vorhaben erhebliche Mittel. „Die eigentliche Herausforderung liegt im Umfang des benötigten Kapitals“, sagt Roxana Stroie. Der Finanzierungsbedarf der kommenden Jahre wird nicht durch eine einzelne Finanzierungsquelle gedeckt werden können. Stattdessen werden Bankenfinanzierung, öffentliche Unterstützung und Kapitalmärkte gleichermaßen gefragt sein. Sustainable-Finance-Instrumente können dazu beitragen, privates Kapital zu mobilisieren und Investitionen zu unterstützen, die Resilienz, Wettbewerbsfähigkeit und Energiesicherheit stärken sollen. Sie sind jedoch nur ein Baustein eines breiteren Finanzierungsmixes. Entscheidend wird laut Roxana Stroie sein, unterschiedliche Finanzierungsquellen in ausreichendem Umfang zu bündeln.
Wichtige Entwicklungen im Blick
Mit Blick auf die Zukunft erwartet Erik Soldatic, dass Nachhaltigkeitsaspekte noch stärker in allgemeine Investitionsentscheidungen integriert werden. Investoren würden sich dabei verstärkt auf Risikomanagement, Resilienz und langfristige Wertschöpfung konzentrieren. Zudem geht er davon aus, dass Transition Finance an Bedeutung gewinnen wird, da Unternehmen und Branchen Finanzierungen für ihre Transformation benötigen. Gleichzeitig würden Investoren ihre Analysen weiter vertiefen und vor Investitionsentscheidungen ein noch besseres Verständnis von Sektoren, Technologien und den zugrunde liegenden Vermögenswerten verlangen. „Ich erwarte, dass Nachhaltigkeit auch künftig ein relevantes Thema an den Kapitalmärkten bleibt, allerdings mit einem stärkeren Fokus auf Transparenz, Glaubwürdigkeit und messbare Ergebnisse als in der Vergangenheit“, resümiert Erik Soldatic.