Thorsten Schade
Senior Director Supply Chain Financing bei der Raiffeisen Bank International AG
Working Capital Management wirkt nur, wenn es zur Unternehmensgröße passt. Warum Mittelstand und Großunternehmen unterschiedliche Ansätze benötigen.
Working Capital Management zählt zu den wirkungsvollsten Hebeln, um Liquidität zu sichern, Finanzierungskosten zu senken und unternehmerische Handlungsfähigkeit zu erhalten. Doch die Anforderungen unterscheiden sich je nach Größe und Struktur des Unternehmens deutlich. Während im Mittelstand häufig Geschwindigkeit, pragmatische Transparenz und direkte Verantwortlichkeiten im Vordergrund stehen, benötigen Konzerne stärker standardisierte Prozesse, belastbare Datenmodelle und eine konzernweite Governance.
Im Mittelstand ist Working Capital Management oft eng mit der operativen Unternehmensführung verbunden. Forderungsmanagement, Lagerbestände und Lieferantenkonditionen werden häufig von wenigen Schlüsselpersonen beeinflusst. Der Vorteil liegt in kurzen Entscheidungswegen: Zahlungsziele können rasch angepasst, Bestände überprüft und Kundenrisiken direkt adressiert werden. Gleichzeitig besteht jedoch die Gefahr, dass die Steuerung stark personenabhängig bleibt und Kennzahlen nur unregelmäßig oder nicht einheitlich erhoben werden. Entscheidend sind daher wenige, konsequent genutzte Kennzahlen wie Days Sales Outstanding, Days Inventory Outstanding und Days Payables Outstanding sowie klare Routinen für Mahnwesen, Bestandsplanung und Zahlungsfreigaben.
Großunternehmen stehen vor anderen Herausforderungen. Sie verfügen meist über größere Finanzierungsspielräume, haben aber auch komplexere Lieferketten und internationale Strukturen. Dadurch wird Working Capital Management zu einer Querschnittsaufgabe zwischen Treasury, Einkauf, Vertrieb, Produktion, Controlling und Shared Service Centern. Unterschiedliche ERP-Systeme, Länderregelungen und Geschäftseinheiten erschweren dabei eine einheitliche Sicht auf Liquidität und Kapitalbindung. Erfolgreich sind hier vor allem Unternehmen, die klare Zielsysteme, automatisierte Datenflüsse und gruppenweite Standards etablieren, ohne lokale Besonderheiten vollständig zu ignorieren.
Ein zentraler Unterschied beim Working Capital Management im Mittelstand und bei Großunternehmen liegt in der Balance zwischen Flexibilität und Skalierbarkeit. Der Mittelstand profitiert von pragmatischen Maßnahmen mit schneller Wirkung, wie etwa einer konsequenten Rechnungsstellung, aktiver Kundenkommunikation und gezielter Reduktion langsam drehender Bestände. Großunternehmen müssen dagegen Programme aufsetzen, die über viele Einheiten hinweg messbar, auditierbar und nachhaltig sind. Dazu gehören Working-Capital-Ziele in Managementsystemen, digitale Forecasts, Supply-Chain-Finance-Lösungen und ein regelmäßiges Reporting an den Vorstand und die Geschäftsführung.
Auch die externe Finanzierung prägt die Anforderungen. Für viele mittelständische Unternehmen ist gebundene Liquidität geschäftskritisch, weil Kreditlinien begrenzt oder stärker an Sicherheiten geknüpft sind. Ein effizientes Working Capital Management wird damit zur Voraussetzung für Investitionen und Krisenfestigkeit. Großunternehmen betrachten es wiederum häufiger als Bestandteil einer kapitalmarktorientierten Effizienzagenda, bei der Cash Conversion Cycle, Ratingeffekte und Kapitalrendite im Fokus stehen.
Gemeinsam ist beiden Unternehmensgruppen: Working Capital Management darf nicht als reine Finanzfunktion verstanden werden. Nachhaltige Verbesserungen entstehen nur, wenn Vertrieb, Einkauf und Operations die Liquiditätswirkung ihrer Entscheidungen kennen. Wer Transparenz schafft, Verantwortlichkeiten definiert und Zielkonflikte offen steuert, gewinnt finanziellen Spielraum – unabhängig von der Unternehmensgröße.
Senior Director Supply Chain Financing bei der Raiffeisen Bank International AG