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Eine Person in formeller Kleidung steht vor zwei großen Flaggen, einer österreichischen und einer ukrainischen. Die Szene wirkt offiziell oder diplomatisch, der Hintergrund ist neutral. Die österreichische Flagge zeigt einen markanten schwarzen Adler, die ukrainische ihre charakteristischen blauen und gelben Streifen. Die Stimmung ist insgesamt formell und ernst, der Fokus liegt auf den internationalen Beziehungen.
BMEIA/Gruber

"Der Wiederaufbau beginnt nicht erst mit dem letzten Schuss, sondern mit Planung, Vorbereitung und Partnerschaften."

Wolfgang Anzengruber ist seit fast einem Jahr Koordinator der österreichischen Bundesregierung für den Wiederaufbau der Ukraine. In diesem Interview zieht er eine Zwischenbilanz und nennt die Bereiche, in denen dringender Handlungsbedarf besteht.

  • Rebuild with Ukraine

Sie sind seit fast einem Jahr Sonderkoordinator für den Ukraine-Wiederaufbau. Wie fällt Ihr Zwischenfazit aus?

Nach fast einem Jahr lässt sich sagen: Der Wille, die Ukraine langfristig zu unterstützen, ist national wie international ungebrochen. Gleichzeitig wird mit jedem Monat deutlicher, wie komplex und vielschichtig diese Aufgabe ist. Wir sprechen hier nicht von klassischer Entwicklungshilfe, sondern von einem der größten Wiederaufbauprojekte unserer Zeit – und das unter den Bedingungen eines andauernden Krieges.

Was mich besonders beeindruckt, ist die enorme Resilienz und Reformbereitschaft unserer ukrainischen Partner. Trotz täglicher Angriffe, massiver Zerstörung und enormer Belastung arbeitet die ukrainische Verwaltung mit großer Professionalität an Strukturreformen, Transparenzmechanismen und Investitionsprojekten. Das ist alles andere als selbstverständlich. 

Gleichzeitig zeigt sich, wie entscheidend Koordination ist. Je besser wir unsere Maßnahmen international abstimmen, desto größer ist die Wirkung. Insgesamt sehe ich eine starke Dynamik, viel Engagement – und eine wachsende Erkenntnis, dass nachhaltiger Wiederaufbau nur gemeinsam gelingen kann. 

Sie tauschen sich stark mit anderen Sonderbeauftragten aus. Wo kann Österreich oder Europa etwas lernen bzw. wo müssen wir die Zusammenarbeit stärken?

Der internationale Austausch ist ein zentraler Bestandteil meiner Arbeit. Kein Land kann den Wiederaufbau alleine stemmen – und kein Land verfügt über alle notwendigen Kompetenzen.

Insbesondere bei langfristigen Infrastrukturplanung, innovativen Finanzierungsmodellen oder Public-Private-Partnerships ist eine breite Kooperation sinnvoll. Gleichzeitig verfügt Europa über einzigartige Erfahrungen im institutionellen Aufbau, in der Verwaltungsmodernisierung, in der Regionalentwicklung und in der Umsetzung großer Transformationsprojekte. 

Österreich bringt darüber hinaus besondere wirtschaftliche Stärken ein: in der Bau- und Infrastrukturwirtschaft, in der Energietechnik, in Umwelttechnologien, im Bahn- und Tunnelbau, in der Wasserwirtschaft sowie in der industriellen Modernisierung. Österreichische Unternehmen genießen in der Ukraine hohes Vertrauen – nicht zuletzt aufgrund ihrer langjährigen Präsenz, ihrer technologischen Kompetenz und ihrer Verlässlichkeit. 

Der größte Hebel liegt jedoch eindeutig in einer noch engeren europäischen Koordination: weniger Parallelstrukturen, klarere Arbeitsteilung und gemeinsame Standards. Der Wiederaufbau der Ukraine braucht einen echten Teamansatz – europäisch gedacht, international umgesetzt. 

Auf welchen Feldern sehen Sie den dringendsten Handlungsbedarf?

Der akute Handlungsbedarf liegt derzeit in drei zentralen Bereichen: Energie, Wohnbau und kritische Infrastruktur.

Die systematischen Angriffe auf die Energieversorgung zeigen, wie verwundbar zentrale Netze sind. Hier braucht es kurzfristig Reparaturen, aber langfristig auch strukturelle Modernisierung, Dezentralisierung und den Ausbau erneuerbarer Energien. 

Gleichzeitig ist Wohnraum eines der drängendsten sozialen Themen. Millionen Menschen wurden vertrieben, ganze Stadtteile zerstört. Ohne leistbaren, sicheren Wohnraum gibt es keine Rückkehr, keine Stabilisierung und keine wirtschaftliche Erholung. 

Und schließlich betrifft der Wiederaufbau Verkehrswege, Brücken, Wasser- und Abwassersysteme, Krankenhäuser und Schulen. Diese Infrastruktur bildet das Rückgrat jeder Volkswirtschaft. Ihre Wiederherstellung ist die Voraussetzung für Investitionen, Beschäftigung und gesellschaftliche Normalisierung. 

Eine Person in dunklem Anzug und weißem Hemd steht vor zwei großen Nationalflaggen, einer österreichischen und einer ukrainischen. Im Hintergrund ist teilweise ein Schriftzug mit dem Hinweis auf das österreichische Bundesministerium für Europa und Internationale Angelegenheiten zu sehen. Die Situation wirkt formell und dürfte mit Diplomatie oder internationalen Beziehungen in Verbindung stehen.
BMEIA/Gruber

Es gibt leider immer noch keinen Waffenstillstand in der Ukraine. Warum sollten sich Unternehmen dennoch bereits jetzt mit Wiederaufbauprojekten beschäftigen?

Gerade weil der Krieg noch andauert, ist frühes Engagement entscheidend. Wiederaufbau beginnt nicht erst mit dem letzten Schuss, sondern mit Planung, Vorbereitung, Partnerschaften und Vertrauensbildung – schon jetzt findet ein internationaler Wettbewerb statt.

Unternehmen, die sich jetzt einbringen, können lokale Netzwerke aufbauen, regulatorische Rahmenbedingungen verstehen und konkrete Projekte mitgestalten. Sie investieren nicht nur in zukünftige Märkte, sondern leisten zugleich einen aktiven Beitrag zur Stabilisierung des Landes. 

Zudem entstehen viele Projekte bereits heute – im Energiebereich, in der Logistik, im Gesundheitswesen oder in der digitalen Verwaltung. Wer jetzt dabei ist, positioniert sich langfristig als verlässlicher Partner und gestaltet den Wiederaufbau aktiv mit. Denn sobald ein Waffenstillstand da ist, wird es sehr schnell gehen.

Ein Thema, das Investoren abschreckt, ist Korruption. Wie sind bisher Ihre Erfahrungen mit Korruption in der Ukraine?

Korruption ist eine reale Herausforderung – und niemand bestreitet das. Gleichzeitig wäre es falsch, die Ukraine auf dieses Thema zu reduzieren.

Die Fortschritte der letzten Jahre sind beachtlich. Es wurden spezialisierte Antikorruptionsbehörden aufgebaut, Transparenzplattformen eingeführt und Vergabeverfahren digitalisiert. Internationale Partner sind eng eingebunden, Kontrollmechanismen wurden massiv verstärkt und vor allem die jüngere Generation treibt hier die Veränderung voran. 

Meine Erfahrung zeigt: Die Reformdynamik ist ernst gemeint. Der politische und gesellschaftliche Druck in der Ukraine, Korruption zu bekämpfen, ist heute größer denn je. Gerade der EU-Beitrittsprozess wirkt hier als starker Reformmotor. 

Für Investoren bedeutet das: Risiken müssen realistisch bewertet und professionell gemanagt werden – aber sie sind heute deutlich besser kontrollierbar als noch vor wenigen Jahren. 

Im Oktober des vergangenen Jahres haben Sie eine Aufbruchstimmung in der Ukraine verspürt. Hat sich dies aufgrund des sehr schwierigen Winters geändert?

Die Stimmung ist heute zweifellos ernster, oft auch erschöpfter. Der Winter war geprägt von massiven Angriffen auf die Energieinfrastruktur, von Kälte, Dunkelheit und permanenter Unsicherheit. Viele Menschen leben seit Monaten im Ausnahmezustand.

Und dennoch: Was mich tief beeindruckt, ist die ungebrochene Stärke der ukrainischen Gesellschaft. Der Wille, weiterzumachen, nicht aufzugeben, nicht zu resignieren, ist überall spürbar und hält auch weiterhin an. 

Die Aufbruchstimmung speist sich heute aus Entschlossenheit und einem bemerkenswerten Zukunftsvertrauen. Hier wird auch die Wichtigkeit von unserem Engagement deutlich, die Ukraine auf ihrem Weg in eine europäische Zukunft zu begleiten. 

Die Aufbruchstimmung hat sich vielleicht verwandelt – sie ist leiser geworden, weniger euphorisch, aber zugleich tiefer und reifer. Sie speist sich heute aus Entschlossenheit, aus Verantwortung und aus einem bemerkenswerten Zukunftsvertrauen. 

Gerade in dieser stillen Zuversicht liegt eine enorme Kraft. Sie erinnert uns daran, warum unser Engagement so wichtig ist – und warum wir die Ukraine auf ihrem Weg in eine friedliche, europäische Zukunft entschlossen begleiten müssen.

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