Rupert Reif
Head of Group Communications & Corporate Spokesman
Die Bankensektoren in Zentral- und Südosteuropa (CE/SEE) haben wiederholt ihre Robustheit unter Beweis gestellt und bewiesen, dass sie in der Lage sind, aufeinanderfolgende Wellen der Unsicherheit (Krieg in der Ukraine, Energie- und Inflationskrise 2022/23, Eskalation der Handelsspannungen 2025) zu meistern und auch den jüngsten langwierigen Konflikt im Nahen Osten erfolgreich zu bewältigen. Diese Entwicklung spiegelt sich aus unserer Sicht in den relativ attraktiven Kapitalmarktbewertungen großer CE/SEE-Banken gegenüber ihren europäischen Pendants wider. Trotz des volatilen Marktumfelds werden große westeuropäische Banken mit starkem CE/SEE-Geschäft tendenziell mit höheren Multiples gehandelt als der breite europäische Bankendurchschnitt (durchschnittliches P/B-Verhältnis von rund 1,7 gegenüber 1,6 per Oktober 2026).
Rentabilität nahe historischer Spitzenniveaus
Gemessen an der Eigenkapitalrendite (RoE) hält der Bankensektor in CE/SEE seinen deutlichen Vorsprung mit 15-16 Prozent 2025 und im ersten Halbjahr 2026, verglichen mit rund 9 Prozent für die Eurozone oder 8-10 Prozent auf unkonsolidierter Basis für den österreichischen Bankenmarkt. Die derzeitige positive RoE-Differenz von 7-8 Prozentpunkten übersteigt den langfristigen Durchschnitt von rund 6 Prozentpunkten, und wir erwarten, dass die CE/SEE-Bankenmärkte aufgrund verschiedener Faktoren auch in den Jahren 2026 und 2027 Eigenkapitalrenditen im mittleren Zehnerbereich erzielen werden. Acht der zwölf Kernmärkte in CE/SEE weisen derzeit Eigenkapitalrenditen von 14-15 Prozent oder mehr auf, darunter auch die schwierigeren Märkte Rumänien (schwächeres wirtschaftliches Umfeld) und Ungarn (hohe Bankenabgaben), die 2026 ebenfalls eine Eigenkapitalrendite von 14-16 Prozent erreichen dürften.
CE/SEE-Banken können auf Rekordgewinne aus den Jahren 2024 (EUR 29,8 Milliarden) und 2025 (EUR 31,5 Milliarden) zurückblicken, die sich 2026 vor dem Hintergrund einer insgesamt robusten makroökonomischen Lage, eines starken regionalen Kreditzyklus und einer geldpolitischen Wende bei relevanten Notenbanken (EZB-Zinserhöhungen, überwiegend restriktive oder vorsichtige nationale Notenbanken in CE/SEE) weitgehend wiederholen dürften. Die Höhe zusätzlicher Gewinnsteuern für Banken auf den großen „Zahlermärkten“ (Ungarn, Rumänien, Slowakei) belief sich sowohl 2024 als auch 2025 auf rund EUR 1 Milliarde und steigt 2026 auf EUR 1,8 Milliarde an, was die deutlich höheren tatsächlichen Gewinne in der Region belegt.
Gewinnpool vergleichbar mit Italien
Der Gewinnpool in CE/SEE ist derzeit mit dem des italienischen Bankensektors vergleichbar (2025: EUR 36,3 Milliarden), liegt jedoch weiterhin deutlich hinter Spanien (EUR 41,9 Milliarden) zurück. Zum Vergleich kann auch der österreichische Bankensektor herangezogen werden. Allerdings sollte man den erheblichen Gewinnbeitrag der CE/SEE-Tochtergesellschaften berücksichtigen (2025: fast EUR 12 Milliarden Nettogewinn, davon stammen etwa 40–50 Prozent aus CE/SEE-Geschäft; somit beläuft sich der tatsächliche inländische Gewinnpool des österreichischen Bankenmarktes auf ca. EUR 6-7 Milliarden). Vor dem Hintergrund der aktuellen geldpolitischen Rahmenbedingungen und Kreditzyklen sowie unter der Annahme einer anhaltenden wirtschaftlichen Konvergenz könnte der Gewinnpool in den CE/SEE Bankensektoren in den nächsten fünf Jahren, d. h. bis 2030, EUR 37-38 Milliarden erreichen. Das sollte eine ausreichende Basis für die regionalen Geschäftsmodelle der grenzüberschreitend tätigen großen europäischen CE/SEE Banken sein. Die im Vergleich zu Europa konzentrierten Marktstrukturen in CE/SEE zahlen ebenso auf diesen Faktor ein. Darüber hinaus wird das regionale Ertragsprofil in CE/SEE zunehmend durch provisionsstarkes Wealth- und Asset-Management-Geschäft gestützt, das als zweite Säule der finanziellen Konvergenz in CE/SEE zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Kreditqualität in den Kernmärkten in CE/SEE bleibt auf solidem Niveau
In den meisten Ländern verharren die Problemkreditquoten (non-performing loans, NPL) nahe historischer Tiefststände und liegen nahe oder sogar auf dem Niveau des Euroraums bzw. westeuropäischer Vergleichsmärkte, obwohl in manchen Branchen vereinzelt Risiken bestehen. Gestützt durch anhaltend starke Arbeitsmärkte liegen die durchschnittlichen NPL-Quoten in SEE bei rund 2,7 Prozent (ggü. dem Höchststand von 20 Prozent 2013) und in den CE-3-Märkten bei rund 1,8 Prozent (ggü. 8,4 Prozent 2015), verglichen mit rund 2 Prozent im Euroraum insgesamt. Auch die Kreditqualität in zyklischen Sektoren wie Gewerbeimmobilien bleibt sehr solide und liegt in den meisten Fällen unter den entsprechenden Kennzahlen in Österreich und Deutschland.
Konvergenzprozess intakt
Zwar variieren die Wachstumsaussichten je nach Markt, wobei sowohl Märkte mit unterdurchschnittlicher Entwicklung (Rumänien und Slowakei) als auch solche mit kurz- und langfristigem strukturellem Aufwärtspotenzial zu finden sind. Wir erwarten jedoch, dass die Region im Durchschnitt weiterhin besser als Westeuropa abschneiden wird. Ungarn sticht mit einem möglich starken Konvergenzwachstum „nach polnischer Art“ bereits 2027 hervor, wobei ein glaubwürdiger Weg zum Euro-Beitritt einen Zyklus der finanziellen Vertiefung (starker Anstieg der Kredite in Relation zur Wirtschaftsleistung) in den kommenden Jahren beflügeln könnte. Trotz umfangreicher Fördermaßnahmen in den Jahren 2025-2026 liegt die Wohnbaukreditpenetration Ungarns weiterhin um mindestens 5-10 Prozentpunkte des BIP unter vergleichbaren Märkten, während das Firmenkundengeschäft dank der Freigabe von EU-Mitteln ebenfalls vor einer starken Wachstumsphase stehen dürfte.
CE/SEE bleibt eine der attraktivsten Regionen Europas für das Wachstum im Bankensektor. Gestützt durch solide inländische Fundamentaldaten und externe Rückenwindfaktoren, darunter EU-Fördermittel, deutsche Konjunkturmaßnahmen und die Neuausrichtung der Lieferketten, dürfte sich das durchschnittliche Kreditwachstum im zweistelligen Bereich einpendeln. Die Privatkundenkredite sollten trotz selektiver makroprudenzieller Verschärfungen der wichtigste Wachstumstreiber bleiben und im Bereich von 10-12 Prozent p.a. zulegen können, wobei SEE-Märkte die höchste Dynamik aufweisen dürften. Das Wohnbaukreditgeschäft bietet weiterhin beträchtliches strukturelles Aufholpotenzial, dessen vollständige Ausschöpfung von weiterer Wohlstandskonvergenz sowie der fortgesetzten Stärkung rechtlicher, regulatorischer und institutioneller Rahmenbedingungen abhängt (inkl. langfristiger Refinanzierung in Lokalwährungen).
Branchenkonsolidierung beschleunigt sich
M&A-Aktivitäten haben an Dynamik gewonnen, wobei sich Polen und Rumänien als die wichtigsten Schauplätze der Region für Skaleneffekte und Marktanteilsgewinne herauskristallisiert haben. Trotz stetig steigender Konzentrationsquoten bleibt das Potenzial für weitere Konsolidierung intakt. Gleichzeitig begünstigt die weiterhin geringe Marktdurchdringung vieler Länder ein anhaltendes organisches Wachstum auch in den größeren Volkswirtschaften der Region. Langfristig bleibt Rumänien eine der vielversprechendsten Erfolgsgeschichten und hat das Potenzial, nicht nur nach Bilanzsumme, sondern auch nach Ertragskraft (mehr EUR 4 Milliarden Gewinn p.a. sind bis 2030 möglich) zu den drei größten Bankenmärkten in CE/SEE nach Polen und Tschechien aufzusteigen. Ebenso gut positioniert ist Ungarn, um nach den richtungsweisenden Wahlen im April 2026 seinen ins Stocken geratenen wirtschaftlichen und bankenseitigen Aufholprozess wiederzubeleben.
Österreichische Banken bauen ihre regionale Präsenz weiter aus und machen trotz intensiver Konkurrenz durch nationale Marktführer rund 29 Prozent bzw. 33 Prozent der Auslandsengagements in CE bzw. SEE aus. Vorbehaltlich des Abschlusses der jüngsten M&A-Transaktionen haben sich die beiden österreichischen Hauptakteure strategisch weiter gestärkt: Die Erste Group ist zur größten Bank in Zentraleuropa aufgestiegen, während sich die RBI als Nummer 3 in Südosteuropa etabliert hat. Gleichzeitig treten weitere Schwergewichte verstärkt auf den Plan. Die UniCredit könnte ihre Präsenz in CE durch einen Wiedereintritt in Polen über die Commerzbank-Transaktion substanziell ausbauen, während die OTP mit der Übernahme der baltischen Luminor ihre Expansion in den Euroraum vorantreibt.
Geopolitische Neuordnung eröffnet Wachstumsfelder
Die geopolitische Neuordnung eröffnet CE/SEE-orientierten westlichen Banken neue Wachstumsfelder in der Türkei sowie in Zentralasien und dem Kaukasus (CAC), getragen von engeren Handelsbeziehungen, wachsender Verkehrsanbindung und zunehmenden strategischen Rohstoffpartnerschaften mit dem Westen. Die nominalen Engagements in dieser „neuen“ Region sind seit 2022 deutlich gestiegen und belaufen sich mittlerweile auf USD 340 Milliarden in der Türkei (inkl. lokaler Tochterbanken) sowie rund USD 37 Milliarden in CAC (vergleichbar mit den Forderungen ausländischer Banken ggü. kleineren CE/SEE-Märkten wie Serbien). Die Ausweitung von Handels- und FDI-Beziehungen rechtfertigt einen weiteren „realen“ Anstieg des Engagements ausländischer Banken auf 20-30 Prozent des BIP in der Türkei (derzeit rund 20 Prozent) bzw. 10-20 Prozent des BIP in CAC (derzeit unter 10 Prozent). Insbesondere Kasachstan und Usbekistan sind gut positioniert, um von diesen Entwicklungen zu profitieren. Österreichische Banken spielen in dieser neuen Ostexpansion bislang nur eine Nischenrolle. Daher müssen möglicherweise auch sie ihre Bemühungen verstärken, um ihren Kunden in diese Märkte zu folgen.
Eine frei verfügbare Kurzfassung der CEE-Bankenstudie ist hier abrufbar.
Die vollständige CEE-Bankenstudie ist für registrierte Raiffeisen-Research-Kunden hier abrufbar.
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