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Portrait of man in an office

“Viele Unternehmen bereiten sich schon auf den ‚Tag X‘ vor.”

Helmut Bernkopf ist im Vorstand der Oesterreichischen Kontrollbank (OeKB) und verantwortet die Export Services, auch für Geschäfte mit ukrainischen Unternehmen. Im Interview spricht er über die Ukraine-Fazilität, welche die OeKB abwickelt, sowie über die Chancen, die der Wiederaufbau der Ukraine für österreichische Unternehmen bietet.

  • Rebuild with Ukraine

Könnten Sie bitte einen Überblick über die Ukraine-Fazilität geben?

Die spezielle Ukraine-Fazilität wurde vom Bundesministerium für Finanzen (BMF) im Rahmen des Budgetbegleitgesetzes 2024 eingerichtet, und im Mai 2024 wurde die OeKB mit ihrer Abwicklung betraut. Ziel ist es, in den nächsten fünf Jahren
500 Millionen Euro für wirtschaftliche Aktivitäten in der Ukraine bereitzustellen, die für den Wiederaufbau des Landes unerlässlich sind. Wir wollen es österreichischen Exportunternehmen und Investoren ermöglichen, sich trotz der besonderen Risikosituation Aufträge zu sichern und auszuführen. Die Fazilität konzentriert sich daher stark auf Projekte im öffentlichen Sektor, die einen konkreten Beitrag zum Wiederaufbau der Ukraine leisten – insbesondere solche, die auf die Sicherung, Wiederherstellung und den Ausbau kritischer Infrastruktur abzielen.

Welche Kriterien muss ein Projekt erfüllen, um für die Ukraine-Fazilität in Frage zu kommen und als Erfolgsfall zu gelten?

Wie bereits erwähnt gilt die Ukraine-Fazilität ausschließlich für Geschäfte im öffentlichen Sektor auf Basis einer staatlichen Garantie, sofern sie der Sicherung oder Wiederherstellung der Basisinfrastruktur dienen. Dazu gehören beispielsweise der Verkehrssektor (Eisenbahnen, Brücken), der Energiesektor sowie kommunale Infrastruktur wie die Trinkwasserversorgung, Abwasserentsorgung und die Bereitstellung von Wärme. Die Deckung steht sowohl für Exporttransaktionen als auch für Direktinvestitionen zur Verfügung, zum Beispiel für gemeinsame Werkstätten für Züge, Straßenbahnen oder Busse.

Seit Sommer 2025 gilt das Erfordernis einer Staatsgarantie auch dann als erfüllt, wenn die unmittelbare Zahlungsverpflichtung und die Abwicklung des Geschäfts bei einer staatlichen ukrainischen Bank liegen. Im Februar dieses Jahres hat das österreichische Finanzministerium die Limits pro Einzelgeschäft von 10 Millionen Euro auf 30 Millionen Euro und für Kreditlinien auf 50 Millionen Euro erhöht. Bei entsprechender Risikoteilung mit anderen Exportkreditagenturen, Verfügbarkeit von EU-Fazilitäten oder Finanzierung über mehrere internationale Finanzinstitute sind Geschäftsabschlüsse über 30 Millionen Euro möglich.

Der Deckungsgrad für politische Risiken beträgt 100 Prozent. Für ukrainische Staatsbanken beträgt der Deckungsgrad für wirtschaftliche Risiken 98 Prozent. Eine österreichische Wertschöpfung von mindestens 50 Prozent ist erforderlich, und für die von Russland annektierten Gebiete oder für Regionen in der Nähe von Kampfhandlungen ist keine Deckung verfügbar.

Welche Unterstützung bietet die OeKB für Investitionen im privaten Sektor?

Die Instrumente des Exportfinanzierungsverfahrens zur Absicherung von Exporten und Investitionen im privaten Sektor stehen in der Ukraine seit Oktober 2022 in begrenztem Umfang zur Verfügung. Seitdem haben wir gemeinsam mit dem österreichischen BMF unsere Deckungsmöglichkeiten für den Privatsektor Schritt für Schritt verbessert – zuletzt Anfang Juni, als wir das Transaktionslimit für Exportgeschäfte und Investitionen auf bis zu 10 Millionen Euro erhöht und die Laufzeit auf bis zu 8,5 Jahre verlängert haben. Zudem haben wir den Deckungsanteil auf 98 Prozent für politische Risiken und auf bis zu 95 Prozent für wirtschaftliche Risiken erhöht. Die Deckung wird auf Einzelfallbasis gewährt, und auch hier gibt es keine Deckung für Transaktionen in annektierten Gebieten oder kriegsnahen Regionen.

Helmut Bernkopf, OeKB Management (portrait)
OeKB / David Sailer

Wie groß ist das Interesse österreichischer Unternehmen an diesen Angeboten, sowohl für Geschäfte im öffentlichen als auch im privaten Sektor?

Im privaten Sektor sehen wir eine anhaltende Nachfrage nach der Absicherung kleinerer Lieferantenkredite, wenn auch auf moderatem Niveau. Der Agrarsektor ist dabei führend. Wir verzeichnen nur vereinzelt Anfragen für mittel- bis langfristige Exportgeschäfte, auch für solche im privaten Sektor, sowie eine sehr begrenzte Nachfrage nach Investitionsversicherungen. Viele Unternehmen bereiten sich jedoch bereits auf den „Tag X“ vor, an dem hoffentlich in nicht allzu ferner Zukunft mit dem Wiederaufbau der Ukraine begonnen werden kann. Mit der speziellen Ukraine-Fazilität haben wir die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass österreichische Exportunternehmen daran noch besser partizipieren können.

Als Vorstandsmitglied der OeKB, das für die Export Services zuständig ist, haben Sie einen guten Einblick in die Export- und Investitionssituation in der Ukraine. Wie schätzen Sie die Risiken dort derzeit ein?

Leider bleibt die Lage sehr schwierig. Die Sicherheitsrisiken sind hoch und aktuell erzielen weder die ukrainischen noch die russischen Streitkräfte nennenswerte Fortschritte. Der anhaltende Krieg hat eine komplexe Krise ausgelöst, die nahezu jeden Sektor der ukrainischen Wirtschaft betrifft – durch die Zerstörung kritischer Infrastruktur, den Rückgang der Wirtschaftsleistung, Handelsbeeinträchtigungen oder den Arbeitskräftemangel, der zunehmend zu einem gravierenden Problem wird. Trotz dieser schwierigen Umstände funktioniert die Geschäftstätigkeit im privaten Sektor weiterhin relativ gut, insbesondere in den westlichen Teilen der Ukraine.

Welche Chancen sehen Sie – auch langfristig – für Unternehmen, die sich jetzt für den Wiederaufbau der Ukraine interessieren?

Die Weltbank schätzt die Gesamtkosten für den Wiederaufbau der Ukraine auf fast 588 Milliarden US-Dollar in den nächsten zehn Jahren – das Potenzial ist somit natürlich sehr hoch. Kurzfristig besteht ein erheblicher Bedarf an der Wiederherstellung und Modernisierung kritischer Infrastruktur, darunter Energie- und Verkehrsnetze, Wasserversorgung und öffentliche Dienstleistungen. Österreichische Unternehmen sind mit ihrem starken Know-how in den Bereichen Engineering, Technologie und nachhaltige Lösungen besonders gut positioniert, um hier beizutragen.

Langfristig geht es beim Wiederaufbau nicht nur darum, Zerstörtes wiederherzustellen, sondern auch um den Aufbau einer widerstandsfähigeren, moderneren und nachhaltigeren Wirtschaft. Dies eröffnet Chancen in Bereichen wie erneuerbare Energien, digitale Infrastruktur, Smart Cities oder der industriellen Modernisierung.

Sie haben einen Großteil Ihres Berufslebens in Osteuropa verbracht, bevor Sie zur OeKB gekommen sind. Wie sehen Sie die Region heute – gibt es dort noch Wachstumspotenzial?

Das Osteuropa heute unterscheidet sich stark von der Region, in der ich ursprünglich tätig war. Die Region ist erheblich reifer geworden, verfügt heute über stärkere Institutionen und ist viel tiefer in die Wertschöpfungsketten der EU eingebunden – und die Annäherung an Westeuropa ist noch nicht abgeschlossen. Gleichzeitig hat sich die Risikolandschaft verändert. Geopolitische Spannungen, Energiesicherheit und demografische Trends spielen eine viel größere Rolle als noch vor 15 oder 20 Jahren. Das Wachstum ist nicht mehr einheitlich über die gesamte Region hinweg verteilt: Während Polen, die baltischen Staaten und Teile Südosteuropas stark wachsen, ist die Dynamik in der Slowakei, in Rumänien und Ungarn schwächer.

Insgesamt bleibt Osteuropa die wichtigste Säule des österreichischen Exportwachstums – doch das Potenzial ist unterschiedlich. Das erfordert ein klares Verständnis der länderspezifischen Risiken, eine Fokussierung auf nachhaltige und wettbewerbsfähige Sektoren sowie Partner, die politische und wirtschaftliche Risiken professionell bewältigen können. Österreichische Unternehmen verfügen zweifellos über die Technologien und das Know-how, um in dieser Region noch erfolgreicher zu sein. Gemeinsam mit dem Finanzministerium tun wir alles dafür, um sie dabei bestmöglich zu unterstützen.

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